Wie halten Sie’s mit der PID?

Am 7. Juli hat der Bundestag mit 326 zu 260 Stimmen beschlossen, die Präimplantationsdiagnostik in begrenztem Umfang zu legalisieren. Auf The European debattieren wir das Thema bereits seit 2010, und auch in den letzten Wochen haben wir die Debatte publizistisch begleitet.

Das die Debatte jetzt hier im Blog gelandet ist, hat allerdings einen etwas anderen Grund. Wir sind von Ihnen, unseren Lesern, einfach krass beeindruckt. Es ist leicht, die Debattenkultur im Netz zu bejammern und als Beweisstücke die Unzahl an anonymen Foren-Beiträgen oder YouTube-Kommentaren heranzuziehen, die irgendwo unterhalb der Niveauschwelle vor sich hindümpeln und zu Lasten der Inhalte auf Krawall gebürstet sind.

Birgit Kelles Text “Rette sich, wer kann” hat knapp 200 Leserkommentare, Michael Schmidt-Salomon hat in drei Tagen knapp 50 Leserbriefe provoziert. Ein Großteil davon ist erste Klasse – inhaltlich fundiert; kritisch, ohne dabei beleidigend zu werden; aufeinander aufbauend. Sie diskutieren mit den Autoren und untereinander. Davor ziehen wir den Hut. Chapeau! Wenn wir davon reden, guten Debatten- und Meinungsjournalismus machen zu wollen, dann genau so – und genau aufgrund solcher Themen.

Daher, ohne konkrete Rang- und Reihenfolge, eine kleine Auswahl Ihrer/Eurer Meinungen und Kommentare. Weiter so.

Matthias Krause geht gleich auf eine der zentralen Fragen ein:

Wer sich darauf beruft, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, kommt nun einmal nicht umhin, zu definieren, was einen Menschen ausmacht und welche Konsequenzen sich aus der Zuerkennung der Menschenwürde ergeben.

Tim K. münzt die Frage auf die Theorien Peter Singers:

Singer geht es nicht darum, dass uns das Leben eines Menschenbabys weniger wert sein soll, als das eines Affen; umgekehrt verlangt er nur, dass wir überlegen, worauf wir unsere speziezistische Bevorzugung gründen. Und wenn Menschen für die moralische Höherwertigkeit menschlichen Lebens angeben, dass Menschen “vernünftig”, “rational” und “kognitiv leistungsfähiger” seien als Tiere, gibt Singer zu denken, dass ein ausgewachsener Schimpanse (aber auch Delfin z. B.) kognitiv leistungsfähiger, rationaler, intelligenter ist, als eben das berüchtigte Menschenbaby…

Agata Kieslowski widerspricht:

Was ist eigentlich eine Person? Hängt Personsein vom Bewusstsein ab? Das Bewusstsein ist ein möglicher Ansatz für eine Definition. Aber: er ist willkürlich wie jeder andere auch. Ebensogut könnte man den aufrechten Gang oder die Eigenschaft, zehn Finger zu besitzen, zum entscheidenden Kriterium erheben.

Das sieht Alex anders:

Natürlich beginnt das Leben eines Menschen mit dem Zeitpunkt seiner Zeugung. Hier wird die Entwiklung in Gang gesetzt, zu diesem Zeitpunkt ist er in vielerlei Hinsicht bereits determiniert. Jedes Abstellen auf andere Faktoren ist gefährlich, da es die Menschenwürde relaiviert. Ob ein Mensch Menschenwürde hat soll plötzlich davon abhängen, in welchem Entwicklungsttadium er sich befindet (ab wievielen Zellen wird der Zellhaufen denn zum Menschen), ob er (für einen außenstehenden Beobachter nachvollziehbar) Schmerzen empfinden kann, oder ob er über Bewußtsein verfügt.

Auch Wolfgang Brosche scheint seine Probleme mit Agata zu haben. Ein Ausflug in die Diskurstheorie:

Sie haben nicht die geringste Ahnung, von was Sie da in Ihrer frommen Religiosität reden! Es gibt KEINE immerwährenden Wahrheiten! Es gibt Erkenntnisse, die bis zur etwaigen Widerlegung, Tatsachen sind, aber niemals ewig wahr.

Casey beantwortet die Frage nach dem Beginn des Lebens mit einer Untersuchung des Lebensendes:

In Bezug auf die Frage: Wann beginnt Leben? hilft m.E. der Blick auf die Frage: Wann endet Leben? Leben endet mit dem Hirntod, also mit dem Erlöschen jedes neuronalen Bewusstseins. Es erscheint mir mehr als fragwürdig, aus religiösen Gründen den Beginn des Lebens anders zu definieren.

Barbara verteidigt die Idee der Selektion:

Ja, du hast Recht: Wir wählen und “selektieren” ständig, wir entwickeln uns und nutzen oder verwerfen Chancen. So funktioniert Freiheit. Und das ist eine Herausforderung, ja. Manchmal/ Manchen Angst einflößend, vor der wir uns aber nicht in starre, dogmatische Reglementierungswut flüchten dürfen.

Zwischendurch ein Abstecher zu Evolutionslehre und Anthropologie von M.S.S.:

Meines Wissens war der Urmensch ein Nomade und zog den Tierherden hinterher. Das heißt, er hat sich vorwiegend von Fleisch ernährt und diese Nahrung bisweilen durch Früchte ergänzt. Seßhaftigkeit bringt Kultivierung von Land mit sich und damit auch die Möglichkeit Pflanzen anzubauen. Dies kommt aber meines Wissens erst aber später in der Entwicklung des Menschen. Von daher kann man nicht sagen, dass der Mensch kein Fleischfresser sei – er ist einer, der sich gelegentlich auch pflanzlich ernährt (hatte).

Aber zurück zur PID. Walter Schrader fügt hinzu:

Zur PID: Sie ist Selektion. Es gibt doch keinen Anspruch auf ein Kind, geschweige denn auf ein gesundes!

PID ist Selektion, das sieht auch Volker so. Doch er zieht daraus ein anderes Fazit:

Die Medizin soll heilen, nicht selektieren, das ist ein entscheidender Unterschied.

Auch Wasilios Katsioulis lehnt die PID ab:

… ein Mensch mit Behinderung betrachtet seine Behinderung, als Teil seiner Identitaet und seines Lebens. Ein Mensch mit Behinderung denkt im “sozialen Modell”, d.h. wie die von Ihnen als solche definierten “Einschraenkungen” (fragen sie mal einen Behinderten ob er das ueberhaupt so sieht) adaptiert werden muessen um “kompensiert” zu werden. Wenn ein Mensch mit Behinderung gesellschaftlich gut adaptiert ist, empfindet er seine “Einschraenkung” nicht als solche…

Thomas T. stimmt zu:

Und ich finde es reichlich zynisch, wenn ständig z.B. Contergan, Spina Bifida oder das Down-Syndrom genannt werden, wenn es darum geht Leben durchPID/PND auszuselektieren. Die Behinderungen werden einfach mit Leid und Kosten gleichgesetzt. Eine Entwicklungsfähigkeit und Potential wird einfach abgesprochen und das ganze ohne sich überhaupt wirklich mit diesen Behinderungen auseinander gesetzt zu haben.

J.S. unterstützt die begrenzte PID, auch (bzw. trotz) der eigenen Lebensgeschichte:

Ich habe eine ererbte Behinderung, und ich bin für PID, allerdings begrenzt auf bestimmte schwerste Behinderungen. Ich verstehe nicht, warum man nicht, wenn man das Wissen schon hat, Leiden ersparen kann, denn die Natur tut das ja auch.

Zum Abschluss ein Zitat von Jonas:

Was die PID angeht, ist es nicht so einfach, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Wenn Sie für sich entscheiden, ein behindertes Kind zu wollen, akzeptiere ich das. Umgekehrt sollten Sie auch akzeptierern, dass ich das nicht möchte. Ganz egoistisch, weil ich glaube, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Wir haben schon eine nicht behinderte Tochter und sind mit ihr gut ausgelastet. Ich bewundere die Menschen, die die Kraft und Geduld haben, behinderte Kinder großzuziehen.

Viele weitere Beiträge hätten hier hineingemusst und -gekonnt. Es mangelt, wie immer, an der Zeit. Und Platzsparen ist auch nicht verkehrt, sonst ist das Internet womöglich bald voll.

Ein Dank geht an T.S., für die viele langen Beiträge und insbesondere für das folgende Statement:

In einer modernen Demokratie gehören alle Leute in die Diskussion… Jeder darf hier seine Meinung äußern, und Argumente für diese bringen.

Ebenfalls Dank an Michael K.: Die Nazikeule muss echt nicht immer sein!

… unpassende Nazi Vergleiche zeugen selten von einer wohl überlegten Meinung.

Im Namen der Redaktion,

Martin Eiermann

Update, 18.07.: Ein Zitat wurde auf Wunsch der Autorin entfernt.