Der Papst in Deutschland; Zusammenfassung meines ersten Tages auf n-tv

(Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Während der vier Tage des Papst-Besuches kommentiere ich für den Nachrichten-Sender n-tv live aus dem Studio in Köln. Ich freue mich sehr, bei der Gelegenheit sowohl meine Erfahrungen aus meiner Zeit in der Nachrichten-Redaktion des ZDF, als auch meine Kompetenz als Theologe, der unter anderem in Rom studiert hat, nutzen zu können. Über den Besuch des Papstes hat es die eine oder andere Kontroverse im Vorfeld gegeben, vor allem im Hinblick auf die mit Spannung erwartete Rede im Bundestag, die er am ersten Tag seiner Reise gehalten hat.

Zuvor, und das fand ich sehr spannend, haben die beiden ersten Männer im Staat, Bundespräsident Christian Wulff und Bundestagspräsident Norbert Lammert, den Papst aufgefordert, in Sachen Ökumene weitere Schritte zu unternehmen. So sagte der Bundespräsident im Garten des Schloss Bellevue, dass das Trennende unter den Konfessionen heute der Begründung bedürfe, nicht das Verbindende. Und Norbert Lammert wies den Papst darauf hin, dass im Land der Glaubensspaltung die Christen auf deutliche Annäherung der Kirchen warteten. Das ist umso erstaunlicher (und dabei nicht weniger begrüßenswert), als die Ökumene doch das Innere der beiden großen Kirchen betreffen und somit, wenn man die Tennung von Staat und Kirche vor Augen hat, nicht von den beiden Politikern zu thematisieren gewesen wären.

Nun sind aber nun einmal beide, Wulff und Lammert, praktizierende Christen. Und als solche haben sie eben auch eine Meinung zu den wichtigen Dingen, die ihre Kirche betreffen. Der Hauptstreitpunkt an der Papst-Rede im Deutschen Bundestag war die Behauptung der rund 100 Parlamentarier, die der Ansprache fernblieben, dass dadurch die Trennung von Kirche und Staat beschädigt würde.

In Deutschland sind natürlich Staat und Kirche getrennt. Deutschland ist ein säkularer Staat. Niemand macht mit der Bibel in der Hand Gesetze – oder mit der Thora oder dem Koran. Der Papst beginnt seine Rede über die Gesetzgebung und die Quellen des Rechts folglich auch richtig damit, dass er sagt, dass das Christentum keine geschlossene, eigene Rechtsform mit sich bringt, an die sich alle zu halten hätten. Er sagt es nicht, aber davon unterscheidet sich seine Religion von der des Islam, der mit der Scharia ein Recht kennt, von dem er glaubt, dass es Allahs Wille ist das dieses und genau dieses zu befolgen sei. Vielmehr, so der Papst weiter, seien die Vernunft und die Natur für die Kirche immer die massgeblichen Quellen von Recht gewesen. Hier ist also nichts von einem Versuch zu sehen gewesen, die Trennung von Religion und Staat zu verwischen. Die Natur des Menschen weise über sein bloßes Funktionieren hinaus: Der Mensch ist mehr als nur eine Maschine, er ist auch mehr als nur ein rationales Wesen. Im Positivismus, der das nicht erkennt und zur herrschenden Grundlage von Rechtsreflexionen geworden sei, kämen Ethos und Recht zu kurz, so Benedikt.

Der Papst beklagt den Materialismus, er lobt die Öko-Bewegung. Er macht zweimal einen Scherz, über den alle Anwesenden herzhaft lachen können; einen sogar auf seine eigenen Kosten: Er kokettiert mit seinem Alter (84). Benedikt spricht vom Ziel der Politik, das nicht im Erfolg zu suchen sei. Erfolg könne korrumpieren. Der Papst verweist auf die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens von der Wiege bis zur Bahre. Der Mensch ist nicht ein von anderen Menschen machbarer. Der Mensch darf nicht entscheiden, welcher andere Mensch leben darf – ein ganz klarer Hinweis auf die ablehnende kirchliche Haltung zur Präimplantationsdiagnostik, die vor wenigen Wochen Gegenstand des Gesetzgebungsverfahrens im Deutschen Bundestag war.

Der Papst spricht zum Abschluss seiner Rede von Europa: Von Jerusalm, Athen und Rom als Wiegen der europäischen Religion, Philosophie, Staats- und Rechtslehre. Der Vortrag ist professoral. Die Journalisten-Kollegen machen  bisweilen ein langes Gesicht. Der Kollege von n-tv fragt Frank-Walter Steinmeier, den Fraktionschef der SPD danach im Interview im Foyer des Reichstagsgebäudes, dass da, so nach dem Motto, ja so richtig spannendes nicht dabei war. Steinmeier fasst dem Kollegen die Rede und was sie für ihn bedeutet noch einmal zusammen. Da ist doch einiges hängen geblieben. Ähnliches lese ich in den Agenturen von Volker Kauder, der in einem anderen Sender sein Resümee der Rede gezogen hat. Die Rede war ja für die Abgeordneten und die haben sie anscheinend auch verstanden.

Der erste Tag der Reise ist gelungen; nun ist es wichtig, dass der Papst die richtigen Akzente setzen wird vor allem im Hinblick auf Äußerungen und Zeichen zum Missbrauchsskandal in der Kirche. Ob es zu einer Begegnung – ähnlich wie in den USA und England – mit Missbrauchsopfern kommen wird, wird erwartet ist aber noch nicht bestätigt. Der Papst weiß wie hart dieser Skandal die Kirche in Deutschland getroffen hat: Vom Flugzeug aus, auf dem Weg nach Berlin, hat der Pontifex die deutschen Katholiken gebeten, trotz des Vertrauensverlustes in der Kirche zu bleiben. Er verstehe, dass viele der Austretenden in der katholischen nicht mehr ihre Kirche sähen.