Brennpunkt Digitale Identität

Als Debattenmagazin sind wir selbstverständlich laufend an konträren Meinungen interessiert. So wäre es im Nachhinein einfach zu behaupten, dass bereits der Titel unserer Veranstaltung auf der diesjährigen CeBit als Stein des Anstoßes gedacht war: Dieses telegraphen_special stand unter dem Stichwort „Digitale Identität“, über die wir mit den Gästen Jimmy Schulz (FDP), dem Internersoziologen Stephan Humer und Caspar Clemens Mierau, Blogger und Mitglied der datenschutzkritischen Spackeria diskutierten. Schnell kristallisierte sich heraus: Gerade über die Trennung der Idenität in online und offline konnte man trefflich streiten – denn was wir als eine Gegebenheit vorausgesetzt hatten, sahen unsere Experten differenzierter:

  • Als Netzpolitiker erkannte Jimmy Schulz die Herausforderungen der Identitätsverwaltung – wie beispielsweise die Einschränkungen eines digitalen Radiergummis –  und appellierte dafür, den Umgang mit dem Netz auch durch Unterstützung des Gesetzgebers zu erlernen – zu groß sei die Schnittmenge der analogen und der digitalen Identität, als dass man damit leichtsinnig umgehen sollte.
  • Stephan Humer unterstrich diese Position mit seinen beruflichen Erkenntnissen über das menschliche Selbstbild: Auch im Internet würde die Aussage eines Menschen als Teil seiner Gesamtidentität wahrgenommen, selbst beim Gebrauch von Pseudonymen lösten sich Daten nicht von der zugehörigen Person. Entscheidend sei, das Auftreten im Netz daher als Gesamtheit wahrzunehmen, Identität beschränke sich auch im Netz nicht auf Benutzernamen und Passwort.
  • Caspar Clemens Mierau war hingegen davon überzeugt, dass das Konzept der Privatsphäre im Netz ohnehin nicht mehr mit den aktuellen Entwicklungen Schritt halten konnte. Anstatt Angst über unsere Daten zu haben, sollten wir lieber den richtigen Umgang mit denselben erlernen. Von Kontrollverlust könne keine Rede sein, wenn Informationen bereitwillig veröffentlicht würden.

Identitätsverwaltung – ob nun online oder offline – warf jedoch auch schnell die Frage nach Medienkompetenz auf, die für viele Gäste im Publikum mit einem Aufruf für bessere Ausbildung an den Schulen einherging. Wo liegt dabei jedoch die Trennlinie zwischen Aktualität und zukünftigen Entwicklungen? Ein Gast im Publikum erinnerte an das Erlernen der Programmiersprache Turbo Pascal, die für ihn eine Rückwärtsgewandheit des Bildungssystems symbolisierte. Auch unsere Gäste waren über die genauen Lehrpläne uneins: Sollten Schüler, wie Stephan Humer ansprach, sich gegenseitig die Privatsphäre-Einstellungen von Facebook beibringen oder greift dieser Ansatz zu kurz? Jimmy Schulz und auch Caspar Clemens Mierau forderten das Erlernen einer allgemeinen Datenkompetenz – jedoch nicht, ohne über die IT-Fähigkeiten deutscher Lehrer anderer Meinung zu sein.

So war das telegraphen_special eine spannende Gelegenheit zur Diskussion: Obgleich unsere Gäste der Idee einer digitalen Zweitidentität mit gemeinsamer Skepsis begegneten, gab es großen Redebedarf über den Umgang mit dem Netz und der Verwaltung unserer Daten. Dass Deutschland dennoch das Land der Datenschützer bleibt, zeigten engagierte Fragen aus dem Publikum, die von einem verbreitetes Misstrauen gegenüber digitaler Daten geprägt waren.

Im Anschluss an die Veranstaltung erinnerte mich ein Gast an die Ursprünge des Netzes, als heutige Fragen noch als utopisch galten: „Früher hieß das Internet ‘Fernübertragung’“, sagte er mit einem Grinsen im Gesicht. Dabei war klar: Größere Komplexität wird stets neue, wichtige Fragen aufwerfen und wir freuen uns drauf, sie bei weiteren Veranstaltungen im Diskurs zu beantworten.