Online-Journalismus in vier Lektionen

Selbst 19°C im März können uns kaum darüber hinwegtrösten, dass mit Jan Stöckmann heute ein weiterer Praktikant das warme Nest der Redaktion verlässt. Wie es sich für Absolventen der The European Akademie für junge Führungskräfte allerdings gehört, ruht er sich nicht auf seinen hart erarbeiteten Lorbeeren aus: Ab kommender Woche bereist Jan im Zuge seines Projektes Euroskop unseren Kontinent und geht dort in verschiedenen Interviews der Frage nach, wie es um die europäische Idee bestellt ist.

Beinahe ebenso beeindruckend ist jedoch, dass es ihm in seiner kurzen Zeit bei uns gelang, die Grundprinzipien des Online-Journalismus in vier richtungsweisende Lektionen zu destillieren. Wir ziehen den Hut, bedanken uns für die tatkräftige Mitarbeit und verabschieden ihn mit einem schallenden „Hoff, Hoff, Hoff“.

Das war ja klar

In meiner WG gibt es ein beliebtes Spiel. Das funktioniert so: Einer bekommt einen SPIEGEL, der andere eine brand eins. Beide blättern durch die Magazine. Der SPIEGEL-Leser muss eine positive Schlagzeile finden, irgendwas ohne Atomkrieg, Burnout-Syndrom oder Hitler. Der mit der brand eins sucht eine schlechte Nachricht oder wenigstens einen Artikel, in dem der Protagonist kein Hidden Champion des deutschen Mittelstands ist und auf Nachhaltigkeit schwört. Auf los geht’s los.

Zum Glück sind nicht alle deutschen Medienformate so vorhersehbar. The European beweist es. Auch wenn dem Magazin immer wieder ein konservativ-katholischer Einschlag vorgeworfen wird, kann ich als nunmehr Ex-Praktikant bestätigen: Es hängt weder ein Kreuz in der Redaktion noch kommt der Proporz der CDU-Wähler annähernd an den Bundesdurchschnitt heran. Die bunte Autorenschaft sorgt für spannende Debatten, so dass sich niemand vernachlässigt fühlen muss. Bevor ich jetzt in Lobhudeleien ausbreche und der Eindruck entsteht, ich wollte mir mit diesem Nachruf ein wohlwollendes Praktikumzeugnis ergaunern, noch ein paar Takte zur (Un)vorhersehbarkeit in der Redaktion.

Es gehört zum Job jedes Journalisten, auf plötzliche Großereignisse blitzschnell zu reagieren, um im Stimmengewirr der Medien weit vorne zu rangieren. Dank Christian Wulff wurde ich Zeuge eines solchen Ereignisses und durfte den ultimativen Schlachtplan für solche Momente erlernen. Hier die vier wichtigsten Lektionen: 1. Alles abdichten! Unter keinen Umständen darf es feindlichen Kräften (z.B. anonyme Hacker oder Atheisten) gelingen, sich ins Redaktionsnetzwerk zu schummeln. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht hinkriegen mit diesem Internet. 2. Eine Sternstunde des Journalismus einläuten. Dazu eignen sich gute Autoren, wegweisende Überschriften oder eine scherzhafte Umfrage auf Facebook. Letzteres funktioniert aber am besten, wenigstens was die Reichweite angeht. Womit wir bei 3. wären: Klicks sind nicht unwichtig! So lautet das erste Gesetz des Online-Journalismus. Denn irgendwie muss man so ein abendländisch-urbanes, post-modernes, Generation-schieß-mich-tot Magazin ja auch finanzieren. 4. Falls das alles schief läuft, sollte man mindestens noch drei bis vier Joker in der Hinterhand haben. Praktikanten, die Bilder aufhängen können, ohne dass sie herunterfallen. IT-Spezialisten, die den Traffic-Knopf auf ihrem Nachttisch montiert haben. Oder transzendenten Beistand von irgendeinem Gott, nicht dem katholischen natürlich, sondern vom dubiosen Tofu-Gott in der Redaktionsküche oder vom freundlichen Risotto Mann um die Ecke.

Mit dieser Kurzanleitung sind zwar nicht alle Rätsel des Online-Journalismus gelöst, aber sonst wäre The European vielleicht auch nicht mehr so unvorhersehbar. Auf dass die Redaktion ihrem Credo treu bleibt: Richtungsweisende Stimmen der wirklich wichtigen Autoren. Ich verneige mich vor Alex, Alex, Julia, Flo, Lars, Mars, Thore, Michael, Sebastian und dem ganzen Team. Vielen Dank an Euch für alles, was ich lernen durfte und viel Erfolg auf dem Weg zu Euren Zielen. Ein neues Büro wäre ja ein guter Anfang.

Herzlichst
Euer Stöcki