Eindrücke vom Hurricane „Sandy“

Während wir vom Hurricane „Sandy“ zwar eindrucksvolle Fotos und Berichte der Verwüstung auf die Bildschirme bekommen, war unser ehemaliger Praktikant Jan Stöckmann vor Ort in New York City. Er schrieb folgenden Lagebericht:

Erkundigt man sich im Internet über Hurrikane, findet man neben den meteorologischen Grundlagen, aktuellen Wetterberichten und diversen Live-Schaltungen (natürlich direkt ins Auge des Tropensturms) auch politische Rezeptionen, denen zufolge Sandy dem Präsidenten seine Wiederwahl vermasseln könnte. Auf Twitter spricht man vom Frankenstorm (#frankenstorm), die Netzgemeinde amüsiert sich stürmisch. Für jene Amerikaner, die am Montag Abend noch kein Stromausfall heimgesucht hat, gibt es Sondersendungen auf allen Fernsehprogrammen, andere treffen sich mit Kerzen zu so genannten Hurrikan-Parties. Schon am Wochenende hatten sich viele mit Wasservorräten eingedeckt, während Schaufenster mit Sandsäcken gesichert wurden. Man ist auf ganzer Linie ausgerüstet.
New Yorker sind dafür bekannt, sich auch in schwierigen Zeiten wacker zu schlagen. Es muss schließlich irgendwie weiter gehen und außerdem ist man ja „The City That Never Sleeps“. Wie selbstverständlich kleben Mitarbeiter Schaufenster ab, im Apple Store werden Laptops in die oberen Etagen getragen. Ein asiatisches Restaurant wirbt mit handgeschriebenem Zettel ”Yes, we are open“. Immer wieder lauscht man telefonierenden Passanten, die ihrer Verwandtschaft erklären, es sei alles halb so wild und man freue sich über ein verlängertes Wochenende. Und auch an der Uni macht man so gut es geht weiter: Obwohl der Lehrbetrieb für zwei Tage ausgesetzt ist, dürfen Studenten in der Bibliothek arbeiten.
Andererseits will den Sturm hier niemand auf die leichte Schulter nehmen, zu viele Opfer hat er schon gefordert. Bislang scheint Bürgermeister Bloomberg alles im Griff zu haben: U-Bahnen wurden vorsorglich im Depot geparkt, Stadtteile evakuiert und der Strom im Süden Manhattens abgeschaltet. Als am Abend Teile eines Baukrans herabzustürzen drohen, wird das Viertel zügig gesichert. Zurecht kann man behaupten, dass Sandy mehr Respekt gezollt wird als anderen Berühmtheiten. Für ein paar Stunden verdrängt sie alle politische Meldungen von den Startseiten, Wahlkampfauftritte von Obama und Romney werden abgesagt. Selbst die deutschen Medien interessieren sich mehr für Flutwellen jenseits des Atlantik als für den kriselnden Euro oder die Rednergage von Herrn Steinbrück.
Trotz oder gerade dank seiner Zerstörungskraft hilft der Sturm, einmal durchzuatmen. Bei Kerzenlicht werden plötzlich wieder Brettspiele gespielt, an der Wall Street stehen die Räder still. Natürlich muss man die Wetterlage nicht derart kitschig romantisieren, aber viele erinnert Sandy eben daran, wie schnell die Menschheit zusammenrücken kann, wenn es heißt, gegen Naturgewalten anzukämpfen. Für einen Moment holt der Hurrikan uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Und das ist bestimmt gut so.