Alle Artikel von Lars Mensel

Fax vom „Freistaat Danzig“

Manchmal muss man im Redaktionsblog auch etwas nachreichen: In diesem Fall eins der wenigen Faxe, die uns in den letzten Monaten erreicht haben. Im Zuge des Streites um Günter Grass und sein Gedicht war die „Exilregierung“ des „Freistaates Danzig“ nicht mit der Darstellung Alexander Görlachs einverstanden und schickte uns nach telefonischer Ankündigung eine Gegendarstellung, die wir Ihnen, liebe Leser, nicht vorenthalten möchten.

Fax Der Danziger Exil-Regierung

So schön kann Krise sein!

Dass die Bild-Zeitung ihr Seite-1-Girl entfernte, haben wir in der Redaktion begrüßt: Das Foto stand nur selten im redaktionellen Kontext oder bezog sich auf aktuelle Geschehnisse. Dennoch gefiel uns die Idee, an prominenter Stelle eine Meinung zu Wort kommen zu lassen – darum geht es schließlich auch in unserem Debatten-Magazin. Ab heute beginnen wir daher mit einen Gegenentwurf: Täglich schreibt eine junge Griechin über das Leben in Zeiten der Schuldenkrise ihres Landes. Die Aktion steht unter dem Motto: „Wider die mediale Aufstachelung! Bei The European steht das deutsch-griechische-Verhältnis auf Seite 1.“

Junge Menschen sind Griechenlands Zukunft; daher freuen wir uns, ihren Sorgen, Wünschen und Hoffnungen einen Platz auf der Startseite einräumen zu können. Los geht’s mit Stephania aus Thessaloniki, die auf einen Twitter-Aufruf von The European reagierte:

Golden mood

Diese Kurven passen unter keinen Rettungsschirm: Kein Wunder, dass die rassige Stephania (18) aus Thessaloniki nichts von den Sparplänen ihrer Regierung hält: „Wir Bürger gaben das letzte Hemd!“ Unser Triple-A-Rating ist ihr jedenfalls sicher.

Foto: CC-BY 2.0 Andrew Kudrin

Update: Die Redaktion wünscht allen Lesern einen schönen 1. April.

Online-Journalismus in vier Lektionen

Selbst 19°C im März können uns kaum darüber hinwegtrösten, dass mit Jan Stöckmann heute ein weiterer Praktikant das warme Nest der Redaktion verlässt. Wie es sich für Absolventen der The European Akademie für junge Führungskräfte allerdings gehört, ruht er sich nicht auf seinen hart erarbeiteten Lorbeeren aus: Ab kommender Woche bereist Jan im Zuge seines Projektes Euroskop unseren Kontinent und geht dort in verschiedenen Interviews der Frage nach, wie es um die europäische Idee bestellt ist.

Beinahe ebenso beeindruckend ist jedoch, dass es ihm in seiner kurzen Zeit bei uns gelang, die Grundprinzipien des Online-Journalismus in vier richtungsweisende Lektionen zu destillieren. Wir ziehen den Hut, bedanken uns für die tatkräftige Mitarbeit und verabschieden ihn mit einem schallenden „Hoff, Hoff, Hoff“.

Das war ja klar

In meiner WG gibt es ein beliebtes Spiel. Das funktioniert so: Einer bekommt einen SPIEGEL, der andere eine brand eins. Beide blättern durch die Magazine. Der SPIEGEL-Leser muss eine positive Schlagzeile finden, irgendwas ohne Atomkrieg, Burnout-Syndrom oder Hitler. Der mit der brand eins sucht eine schlechte Nachricht oder wenigstens einen Artikel, in dem der Protagonist kein Hidden Champion des deutschen Mittelstands ist und auf Nachhaltigkeit schwört. Auf los geht’s los.

Zum Glück sind nicht alle deutschen Medienformate so vorhersehbar. The European beweist es. Auch wenn dem Magazin immer wieder ein konservativ-katholischer Einschlag vorgeworfen wird, kann ich als nunmehr Ex-Praktikant bestätigen: Es hängt weder ein Kreuz in der Redaktion noch kommt der Proporz der CDU-Wähler annähernd an den Bundesdurchschnitt heran. Die bunte Autorenschaft sorgt für spannende Debatten, so dass sich niemand vernachlässigt fühlen muss. Bevor ich jetzt in Lobhudeleien ausbreche und der Eindruck entsteht, ich wollte mir mit diesem Nachruf ein wohlwollendes Praktikumzeugnis ergaunern, noch ein paar Takte zur (Un)vorhersehbarkeit in der Redaktion.

Es gehört zum Job jedes Journalisten, auf plötzliche Großereignisse blitzschnell zu reagieren, um im Stimmengewirr der Medien weit vorne zu rangieren. Dank Christian Wulff wurde ich Zeuge eines solchen Ereignisses und durfte den ultimativen Schlachtplan für solche Momente erlernen. Hier die vier wichtigsten Lektionen: 1. Alles abdichten! Unter keinen Umständen darf es feindlichen Kräften (z.B. anonyme Hacker oder Atheisten) gelingen, sich ins Redaktionsnetzwerk zu schummeln. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht hinkriegen mit diesem Internet. 2. Eine Sternstunde des Journalismus einläuten. Dazu eignen sich gute Autoren, wegweisende Überschriften oder eine scherzhafte Umfrage auf Facebook. Letzteres funktioniert aber am besten, wenigstens was die Reichweite angeht. Womit wir bei 3. wären: Klicks sind nicht unwichtig! So lautet das erste Gesetz des Online-Journalismus. Denn irgendwie muss man so ein abendländisch-urbanes, post-modernes, Generation-schieß-mich-tot Magazin ja auch finanzieren. 4. Falls das alles schief läuft, sollte man mindestens noch drei bis vier Joker in der Hinterhand haben. Praktikanten, die Bilder aufhängen können, ohne dass sie herunterfallen. IT-Spezialisten, die den Traffic-Knopf auf ihrem Nachttisch montiert haben. Oder transzendenten Beistand von irgendeinem Gott, nicht dem katholischen natürlich, sondern vom dubiosen Tofu-Gott in der Redaktionsküche oder vom freundlichen Risotto Mann um die Ecke.

Mit dieser Kurzanleitung sind zwar nicht alle Rätsel des Online-Journalismus gelöst, aber sonst wäre The European vielleicht auch nicht mehr so unvorhersehbar. Auf dass die Redaktion ihrem Credo treu bleibt: Richtungsweisende Stimmen der wirklich wichtigen Autoren. Ich verneige mich vor Alex, Alex, Julia, Flo, Lars, Mars, Thore, Michael, Sebastian und dem ganzen Team. Vielen Dank an Euch für alles, was ich lernen durfte und viel Erfolg auf dem Weg zu Euren Zielen. Ein neues Büro wäre ja ein guter Anfang.

Herzlichst
Euer Stöcki

Brennpunkt Digitale Identität

Als Debattenmagazin sind wir selbstverständlich laufend an konträren Meinungen interessiert. So wäre es im Nachhinein einfach zu behaupten, dass bereits der Titel unserer Veranstaltung auf der diesjährigen CeBit als Stein des Anstoßes gedacht war: Dieses telegraphen_special stand unter dem Stichwort „Digitale Identität“, über die wir mit den Gästen Jimmy Schulz (FDP), dem Internersoziologen Stephan Humer und Caspar Clemens Mierau, Blogger und Mitglied der datenschutzkritischen Spackeria diskutierten. Schnell kristallisierte sich heraus: Gerade über die Trennung der Idenität in online und offline konnte man trefflich streiten – denn was wir als eine Gegebenheit vorausgesetzt hatten, sahen unsere Experten differenzierter:

  • Als Netzpolitiker erkannte Jimmy Schulz die Herausforderungen der Identitätsverwaltung – wie beispielsweise die Einschränkungen eines digitalen Radiergummis –  und appellierte dafür, den Umgang mit dem Netz auch durch Unterstützung des Gesetzgebers zu erlernen – zu groß sei die Schnittmenge der analogen und der digitalen Identität, als dass man damit leichtsinnig umgehen sollte.
  • Stephan Humer unterstrich diese Position mit seinen beruflichen Erkenntnissen über das menschliche Selbstbild: Auch im Internet würde die Aussage eines Menschen als Teil seiner Gesamtidentität wahrgenommen, selbst beim Gebrauch von Pseudonymen lösten sich Daten nicht von der zugehörigen Person. Entscheidend sei, das Auftreten im Netz daher als Gesamtheit wahrzunehmen, Identität beschränke sich auch im Netz nicht auf Benutzernamen und Passwort.
  • Caspar Clemens Mierau war hingegen davon überzeugt, dass das Konzept der Privatsphäre im Netz ohnehin nicht mehr mit den aktuellen Entwicklungen Schritt halten konnte. Anstatt Angst über unsere Daten zu haben, sollten wir lieber den richtigen Umgang mit denselben erlernen. Von Kontrollverlust könne keine Rede sein, wenn Informationen bereitwillig veröffentlicht würden.

Identitätsverwaltung – ob nun online oder offline – warf jedoch auch schnell die Frage nach Medienkompetenz auf, die für viele Gäste im Publikum mit einem Aufruf für bessere Ausbildung an den Schulen einherging. Wo liegt dabei jedoch die Trennlinie zwischen Aktualität und zukünftigen Entwicklungen? Ein Gast im Publikum erinnerte an das Erlernen der Programmiersprache Turbo Pascal, die für ihn eine Rückwärtsgewandheit des Bildungssystems symbolisierte. Auch unsere Gäste waren über die genauen Lehrpläne uneins: Sollten Schüler, wie Stephan Humer ansprach, sich gegenseitig die Privatsphäre-Einstellungen von Facebook beibringen oder greift dieser Ansatz zu kurz? Jimmy Schulz und auch Caspar Clemens Mierau forderten das Erlernen einer allgemeinen Datenkompetenz – jedoch nicht, ohne über die IT-Fähigkeiten deutscher Lehrer anderer Meinung zu sein.

So war das telegraphen_special eine spannende Gelegenheit zur Diskussion: Obgleich unsere Gäste der Idee einer digitalen Zweitidentität mit gemeinsamer Skepsis begegneten, gab es großen Redebedarf über den Umgang mit dem Netz und der Verwaltung unserer Daten. Dass Deutschland dennoch das Land der Datenschützer bleibt, zeigten engagierte Fragen aus dem Publikum, die von einem verbreitetes Misstrauen gegenüber digitaler Daten geprägt waren.

Im Anschluss an die Veranstaltung erinnerte mich ein Gast an die Ursprünge des Netzes, als heutige Fragen noch als utopisch galten: „Früher hieß das Internet ‘Fernübertragung’“, sagte er mit einem Grinsen im Gesicht. Dabei war klar: Größere Komplexität wird stets neue, wichtige Fragen aufwerfen und wir freuen uns drauf, sie bei weiteren Veranstaltungen im Diskurs zu beantworten.

Homo Digitalis – Universelle Datenverfügbarkeit erleichtert den Alltag. Doch was bedeutet das für meine digitale Identität?

Der Behördengang wird zu Hause erledigt; Arzt, Krankenhaus und Patient greifen auf dieselbe Patientenakte in der Wolke zu – die fortschreitende Digitalisierung bietet immense Chancen für die Vereinfachung des Alltags. Doch der neue Komfort durch ersparte Wege und Individualisierung erfordert sichere digitale Identitäten. Aber wie können wir die Kontrolle über unsere immer wichtiger werdenden Daten im Netz behalten? Müssen wir Komfort durch die Preisgabe unserer digitalen Identität erkaufen? Und können digitale Identitäten überhaupt sicher sein? Auf der CeBit diskutieren wir dazu gemeinsam mit dem telegraphen_special der Deutschen Telekom und den Gästen Jimmy SchulzCaspar Clemens Mirau und Stephan Humer.

Anlässlich dieser Veranstaltung haben wir eine Auswahl unserer besten Texte zum Thema Identität im Netz ausgewählt – wir freuen uns drauf, das Thema am Donnerstag auf der CeBit zu vertiefen. Mehr Informationen sowie ein Anmeldeformular finden Sie im Blog des telegraphen_special.

„Post-Privacy bedeutet, sich nackt zu machen“

Gespräch mit Christian Heller

Der Kampf zum Erhalt privater Datenhoheit droht verloren zu gehen. Als einer der Protagonisten der Post-Privacy-Bewegung empfiehlt Christian Heller ein Umdenken: Wir sollten persönliche Daten selbst ins Netz stellen. Lars Mensel und Jan Stöckmann sprachen mit ihm über Geheimnisse, Datenschutz und das digitale Menschenbild.

Kranke Sammelwut

Kolumne von dem Presseschauer

In Sachen Datenschutz sollte sich Frau Aigner weniger um Facebook und mehr um die Gesundheitsindustrie kümmern. Was hier unter dem Deckmantel der Kodifizierung geschieht, nutzt einigen Menschen, aber sicher nicht den Patienten.

„Wir werden zu Medienkreaturen“

Gespräch mit Nicholas Carr

Aufgrund des Internets befinden wir uns inmitten eines kognitiven Wandels: allgegenwärtige Daten verändern unsere Wahrnehmung der Welt. Lars Mensel sprach mit dem Autor Nicholas Carr über die Vorteile des Gedruckten, den Verlust der Reflexion und darüber, wie unsere Vorfahren überlebten.

Das Leben der Anderen

Kolumne von Eberhart Lauth

Die Wissenschaft sagt: Je mehr Zeit Menschen auf Facebook verbringen, desto mehr gewinnen sie auch den Eindruck, dass alle anderen ein besseres Leben haben. Ich sage: Gern geschehen.

Kooperationspartner:

Redaktionssofa auf Abwegen

Passend zur Einführung der Facebook-Timeline brauchte die The European-Präsenz im größten sozialen Netzwerk eine passende Illustration. Und was verdeutlicht unsere Debattenkultur besser als das Redaktionssofa – seines Zeichens Austragungsort der wöchentlichen Themensitzung? Da auf dem geschätzten Möbelstück bereits zahllose Diskussionen über Themen, Debatten und Zuschnitte stattfanden, war es nur naheliegend, das Sofa auch einmal im Kontext des Redaktionsumfeldes zu zeigen.

„Once a European, always a European“

Unserem Praktikanten Igor Fayler konnten wir im Praktikumszeugnis strategisches Denken attestieren: So verlangte er sein Zeugnis als Bedingung für den mittlerweile traditionellen Praktikumsbericht. Wir bedanken uns für Igors treue Dienste am Meinungsjournalismus und möchten ihm gerne die Worte eines großen amerikanischen Philosophen mit auf den Weg geben: Na na na na nana.

Vorstellungsgespräch. Tief durchatmen. Souverän auftreten, lächeln, Getränk annehmen. Los geht’s! Es fing mit der Einladung zum Vorstellungsgespräch an. Kurz und schmerzlos, kein Kreuzverhör. Nach 30 Minuten war alles vorbei. Wenige Tage später dann die Zusage. Erleichterung.

Zwar habe ich stets zu Allem eine Meinung und kann rudimentäre Kenntnisse über die Rolle der Medien und Journalismus als Beruf vorweisen; was sich genau hinter dem Begriff Meinungsjournalismus verbirgt, wusste ich zu Beginn meines Praktikums jedoch noch nicht. In meinem Kopf schwirrte deshalb die Frage herum, wie dieser funktioniere.

Meine Frage beantwortete sich in diesen Wochen schnell von selbst. Knallharter Meinungsjournalismus läuft nicht von selbst. Es braucht knallharte Meinungsjournalisten, welche unter Schweiß, Blut und Tränen recherchieren, interviewen, kommentieren, twittern und posten. Medien- und Technikaffinität darf auch nicht fehlen. Journalismus ist kein Kinderspiel aber es macht mehr Spaß als auf jedem Ponyhof. Vom ersten Tag durfte ich einen Blick hinter die Kulissen werfen. Aufbau, Arbeitsstruktur und Arbeitsmethoden dieses jungen Unternehmens erschlossen sich mir in den ersten Tagen; ich konnte aktiv mitarbeiten und Aufgaben selbstständig ausführen. Learning by doing, wie soll es anders sein?

Wenn der stellvertretender Chefredakteur mit seinem Können am Ende war und Hilfe benötigte hieß es stets: Ein Fall für Fayler! Das war mein Stichwort. Meine jahrzehntelange Erfahrung im Recherchieren aktueller Debatten, im Übersetzen von Texten, im Verfassen von Factsheets oder im Transkribieren von Interviews war gefragt. Mit weniger hätte ich mich auch nicht zufrieden gegeben.

Eine weitere wichtige Erkenntnis, zu der ich während meiner Zeit bei THE EUROPEAN gelangt bin: Jeder zukünftige Arbeitsplatz muss sich in puncto Arbeitsklima mit THE EUROPEAN messen. Eine faszinierende Dynamik und schnelle Entscheidungsfindung, welche aus flachen Hierarchien, einem jungen und engagierten Team und täglich neuer Motivation resultiert. Arbeit kann auch Spaß machen. Arbeit muss sogar Spaß machen. Eine so positive Stimmung kann Wunder wirken, wenn auch mal eine eintönige oder trockene Aufgabe auf dem Programm steht. Das war vielleicht die wichtigste Lektion während meiner Hospitanz.

Sichtlich gereift verlasse ich also den „Weinberg“ und verabschiede ich mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Sollten eines Tages die weiten Wiesen Kasachstans ihren Reiz für mich verloren haben, werde ich vielleicht erneut bei Euch anklopfen. Once a EUROPEAN, always a EUROPEAN.